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1949 erschien das Buch, das den französischen Strukturalismus begründen sollte: Les structures élémentaires de la parenté (Die elementaren Strukturen der Verwandtschaft), ein gelehrter Wälzer »von verzweifelter Langeweile«, wie Georges Bataille feststellt, und dennoch ein Buch, das nicht nur die Ethnologie auf den Kopf stellt, indem es eines ihrer verzwicktesten Probleme löst, sondern auch den Übergang des Menschen von der Natur zur Kultur aus der universalen Regel des Inzestverbotes erklären will: Alle komplizierten Heiratsregeln dienen dem Zweck, ein Tauschsystem von wenigen elementaren Strukturen einzurichten, das an die Stelle von natürlichen Verwandtschaften die kulturelle Tatsache der Allianz setzt und damit Kommunikation auf vielfältigen sozialen Bahnen ermöglicht. Struktur heißt dabei, wie L.-St. später erläutert, ein systematischer Zusammenhang, der nicht aus seinen Elementen erkennbar wird, sondern sich bei seiner Übertragung auf andere Inhaltsbereiche offenbart, ähnlich einer Sprache, deren Wesen darin besteht, in eine andere übersetzbar zu sein; letztlich bedeutet Struktur also eine Analogie und gerade keine Identität. 1955 brachte der autobiographische Reisebericht der Tristes tropiques (Traurige Tropen), der zugleich eine dichterische und intellektuelle Rechenschaftslegung der Ethnologie ist, den literarischen Ruhm, den es in Frankreich für die Durchsetzung einer Theorie braucht und den das trockene Aufrechnen der verschiedenen Arten von Inzesttabus nicht erwerben konnte; ein poetisches Buch, das eine Zivilisationskritik der westlichen Welt vom Standpunkt der Wilden — unter ausdrücklicher Berufung auf Jean Jacques Rousseau — enthält und ebenso den Reiz fremder Kulturen schildert wie Trauer angesichts der Gewißheit ausdrückt, »daß zwanzigtausend Jahre Geschichte verspielt sind«: Unsere Zivilisation nivelliert alles Fremde und nimmt ihm damit die Möglichkeit, auf eigene Weise existieren zu können.