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Aus Perspektive der nachhaltigen Entwicklung im Gebäudebestand ergibt sich die Fragestellung, ob ein in der Praxis aufgrund von wirtschaftlichen Aspekten typischerweise durchgeführter Abriss und Ersatzneubau gegenüber einer Bestandssanierung tatsächlich zu bevorzugen ist, um die Umweltwirkungen des Gebäudesektors zu reduzieren. Eine Nachhaltigkeitsbewertung beider Ansätze kann mittels Lebenszyklusbetrachtungen erfolgen. Auf Basis einer systematischen Literaturrecherche wird der Forschungsbedarf hinsichtlich einer kombinierten Betrachtung der ökologischen und ökonomischen Wirkungen von Maßnahmenkombinationen an der Gebäudehülle identifiziert. Dabei werden ökologische Baustoffe sowie unterschiedliche Energieversorgungskonzepte berücksichtigt. Die Nachhaltigkeitsbewertung fokussiert Ökobilanzen und Lebenszykluskostenbetrachtungen auf quantitativer Bewertungsebene. Die Ergebnisse werden mittels einer Ökoeffizienzbewertung ausgewertet. Zudem werden ausgewählte qualitative Aspekte beschrieben und ein Ansatz zur kombinierten Bewertung der qualitativen und quantitativen Ergebnisse vorgestellt. Aus rein ökologischer und ökonomischer Perspektive zeigt die Konzeptanwendung in Bezug auf Mehrfamilienhäuser der 1950er Jahre, dass eine Sanierung dem Ersatzneubau vorzuziehen ist, obwohl ein Neubau im Betrieb geringere Umweltwirkungen und Energiekosten (ohne weitere Nutzungs- und Instandhaltungskosten) verursachen würde. Die durch den Abriss und Neubau entstandenen Grauen Emissionen haben erheblichen Einfluss auf die Bilanz. Für die 300 betrachteten Varianten wird deutlich, dass die ökoeffizientesten Lösungen in Sanierungsansätzen liegen, welche den Einsatz einer Wärmepumpe vorsehen und einen Gebäudestandard von mindestens ‚Effizienzhaus 70‘ erreichen. Für Ersatzneubauten nach Hüllanforderungen des ‚Gebäudeenergiegesetz (GEG)‘ in massiver Bauweise mit Wärmepumpe liegt das ‚Global Warming Potential‘ (GWP) über 50 Jahre im Mittel 56% (165,3 t CO2-Äq.) über den entsprechenden Sanierungsvarianten, der Barwert ist durchschnittlich 82.636€ höher. Bei einem ‚Effizienzhaus 40‘ - Hüllstandard ist das GWP im Mittel über 50 Jahre sogar 85% (202,3 t CO2-Äq.) und der Barwert durchschnittlich 159.926€ höher. Die Identifikation signifikanter Einflussfaktoren im Lebenszyklus von Gebäuden zeigt, dass die Auswahl des Dämmmaterials einen vernachlässigbaren Einfluss aufweist, während die Wahl der Energieversorgung und die Qualität der thermischen Gebäudehülle von entscheidender Relevanz für die ökologische und ökonomische Qualität des Gebäudes sind. Darüber hinaus ist die Dekarbonisierung der Strom- und Wärmenetze von signifikanter Bedeutung für das GWP. Qualitative Aspekte wie die Rückbaubarkeit oder Umsetzbarkeit führen zu einer Verschiebung der Empfehlungen im Vergleich zu einer reinen Ökoeffizienzauswertung. Es wird deutlich, dass der Fokus der Bewertung entscheidend ist und dieser mithilfe des vorgestellten Ansatzes zur Entscheidungsfindung begründet festgelegt werden kann. Insgesamt liefert diese Dissertation eine Entscheidungsunterstützung für Wohnungsbaugesellschaften, Politik oder Kommunen, die sich mit der nachhaltigen Entwicklung des Wohngebäudebestands befassen. Sie zeigt auf, dass eine ganzheitliche Nachhaltigkeitsbewertung über den Gebäudelebenszyklus notwendig ist, um eine fundierte Entscheidung hinsichtlich Sanierung oder Ersatzneubau zu treffen. Das vorgestellte Konzept zur Nachhaltigkeitsbewertung bietet die Möglichkeit der Übertragbarkeit auf verschiedene Wohngebäudetypologien.