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Der Artikel untersucht die Besonderheiten der Oral-History-Forschung in Belarus. Die sich seit 2020 verschärfende politische Situation beeinflusst die Archivierung und Nutzung von Zeitzeugeninterviews und wirft zahlreiche rechtliche und ethische Fragen auf. Sowohl Oral-Historians als auch Zeitzeug*innen geraten unter Druck, da abweichende Narrative von der offiziellen Ideologie strafrechtliche Konsequenzen haben können. Dies betrifft zahlreiche Themen der belarussischen Geschichte des 20. Jahrhunderts. Offizielle Institutionen versuchen zudem, Erinnerungen an den Zweiten Weltkrieg zur Legitimation des bestehenden Regimes zu instrumentalisieren. Das seit 2011 bestehende Belarussische Oral History Archiv ist ein einzigartiges Zeugnisarchiv, das ebenfalls von der politischen Lage beeinflusst wird. Die Verhaftung seines Koordinators im Jahr 2021 führte zur Entscheidung, den öffentlichen Online-Zugang zum Archiv zu schließen. Um die Materialien und die unabhängige Forschung zu bewahren, setzten die beteiligten Historiker*innen ihre Arbeit außerhalb von Belarus fort. Dies stellt neue Herausforderungen für die Weiterentwicklung des Archivs und den sicheren Zugang zu den Daten. Als vergleichsweise sichere Strategie gilt, Interviews mit bereits emigrierten Personen zu führen, was jedoch die Themenvielfalt einschränkt. Zugleich eröffnet die Dokumentation der Erfahrungen von Emigrant*innen nach den Protesten von 2020 die Möglichkeit, die größte Auswanderungswelle aus Belarus seit der Nachkriegszeit zu erforschen. Die Bewahrung solcher Narrative ist im Land selbst unmöglich, aber von großer zukünftiger Bedeutung. Dank digitaler Kommunikationsmöglichkeiten können räumliche Barrieren überwunden werden. Besondere Aufmerksamkeit erfordert jedoch der Schutz der Interviewten durch Anonymisierung und Zugangsbeschränkung, bis sich die politische Situation ändert.
Published in: BIOS – Zeitschrift für Biographieforschung Oral History und Lebensverlaufsanalysen
Volume 38, Issue 1+2-2025, pp. 143-143