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Sonnenschutz und Prävention gehören zu den Grundpfeilern der Dermatologie. Und doch gibt es eine stetig wachsende Gruppe von Dermatologinnen und Dermatologen, die es beruflich genau dorthin zieht, wo die Sonne am intensivsten scheint: in die Tropen und Subtropen. Dies belegt schon ein frühes prominentes Beispiel: Albert Neisser (1855–1916). Der erste deutsche Ordinarius für Dermatologie und Syphilidologie (Breslau) hob das Fachgebiet nicht nur auf den Rang der großen universitären Disziplinen in Deutschland. Neisser unternahm zwischen 1905 und 1907 auch mehrmonatige Reisen auf die indonesische Insel Java, damals Teil der Kolonie Niederländisch-Indien, „um das […] sich in den Tropen darbietende Material an Syphilis und Haut- und sonstigen Infektionskrankheiten kennen zu lernen“.1 Unterstützung erfuhr er von Zeitgenossen wie dem Mikrobiologen Stanislaus Prowazek (1875–1915). In der tropischen Arbeitsstation in Batavia-Weltevreden, heute Jakarta, (Abbildung 1) inokulierten die Wissenschaftler Orang-Utans und andere Affenarten mit Infektionsmaterial aus dem nahegelegenen Militärkrankenhaus.1 Letztlich war der tropische Arbeitsort für Neisser und seine Kollegen aber nicht nur aufgrund des „außerordentlich heiße[n] und […] feuchte[n] Klima[s] erschlaffend und auf die Dauer schwer ertragbar“,1 auch die Tierexperimente waren bereits ethisch umstritten. Ein Schüler Neissers, Eduard Arning (1855–1936), erregte in ähnlicher Weise mit seinen tropendermatologischen Arbeiten zur Lepra auf einem anderen pazifischen Archipel zu noch früherer Zeit Aufsehen; zwischen 1883 und 1886 unternahm er auf Hawaii Menschenexperimente im Auftrag der Preußischen Akademie der Wissenschaften. Die moderne Tropendermatologie lässt die Ansätze der Kolonialzeit hinter sich. Heute sind Inklusion, Kollaboration und der Ausbau lokaler Kapazitäten elementar, wie es beispielhaft die Roadmap vernachlässigter Tropenkrankheiten 2021–2030 der Weltgesundheitsorganisation mit besonderem Fokus auch auf Hauterkrankungen formuliert.2 Für dieses Ziel setzen sich Kolleginnen und Kollegen wie Christoph Bendick ein. Der gebürtige Sauerländer fand 1994 seinen Weg nach Kambodscha, wo er einheimische Fachkräfte ausbildet und Versorgungsmodelle für zentrale Kliniken und entfernte Provinzen entwickelt. Ein großer Erfolg war die Einführung einer vierjährigen dermatologischen Facharztausbildung im Jahr 2013. Seit 2015 arbeitet Bendick mit der Potsdamer Dermatohistopathologin Friederike Kauer zusammen. Gemeinsam mit dem Team von Kambodschas größtem Krankenhaus, dem Calmette-Hospital, engagieren sie sich für die Verbesserung der dermatologischen Versorgung unter dem Motto Skin Health for Everyone. Weitere Spuren deutscher Dermatologen und Dermatologinnen in den asiatischen Tropen finden sich in Sri Lanka: Dieter Reinel (Hamburg) und Peter Elsner (Jena) fördern seit den 1980er Jahren als Verbindungspersonen zwischen der Deutschen Dermatologischen Gesellschaft (DDG) und dem Sri Lanka College of Dermatologists die fachärztliche und postgraduale Ausbildung vor Ort. Davon profitiert auch der deutsche dermatologische Nachwuchs, wie es etwa Morna Schmidt (Aachen) in einer Hospitation erlebte. Bedeutend ist hierfür, neben dem persönlichen Engagement, auch die großzügige finanzielle Unterstützung der DDG. Dieses Modell der nachhaltigen Ausbildungspartnerschaft findet sich gleichsam (süd) amerikanischen Kontinent beispielhaft Eberhard Sauerteig (1919–2019) wirkte. Der gebürtige Thüringer brachte seine Expertise aus der Pathologie ein und wurde zu einer zentralen Figur für die wissenschaftliche Vertiefung der venezolanischen Dermatologie. Seine Forschungen zu endemischen Krankheiten wie Leishmaniasis oder kutanen Mykosen und sein Bemühen zur Ausbildung lokaler Fachärztinnen und Fachärzte waren prägend für die Dermatologie des Landes. Ein strukturierter Austausch von Wissen und ärztlicher Arbeitskraft findet bis heute ebenso in Brasilien statt. Als einer der ersten absolvierte der Bundeswehr-Dermatologe Marcellus Fischer (Hamburg) ab dem Jahr 2000 eine Ausbildung an der Fundação de Medicina Tropical Doutor Heitor Vieira Dourado und an der Fundação Hospitalar Alfredo da Matta (Abbildung 2) in Manaus. Fischer lernte das breite Spektrum der in der Amazonasregion prävalenten Dermatosen kennen und war als Dermatologe voll in die Patientenversorgung eingebunden, beispielsweise in Sprechstunden für sexuell übertragbare Infektionen. Militärische Auslandseinsätze sind neben dem zivilen Engagement ein bedeutender Promotor für die tropendermatologische Tätigkeit. Dieser durch die Bundeswehr geförderte Austausch ist nicht auf Südamerika beschränkt, sondern führt auch nach Afrika. Ein Beispiel hierfür ist die Bundeswehrärztin Katrin Völker (Timmendorfer Strand), die ihre Weiterbildung in Tansania, am renommierten Regional Dermatology Training Centre (RDTC), (Abbildung 3) in Moshi absolvierte. Das RDTC wurde vom gebürtigen Hamburger Dermatovenerologen und Tropenmediziner Hans-Henning Grossmann im Jahr 1992 mitgegründet und mitgeleitet. Das Zentrum hat sich zu einer panafrikanischen zentralen Ausbildungs- und Behandlungsstätte für Hautkrankheiten entwickelt. Grossmanns Arbeit, die auch die Behandlung von Personen mit Albinismus und Lepra einschließt, zog nicht nur namhafte Kolleginnen und Kollegen wie Constantin und seine Frau Vera Orfanos (Berlin) als Gastärzte und Dozenten zum RDTC,3 sondern wurde 2018 auch mit dem Bundesverdienstkreuz gewürdigt. Neben dem Aufbau solch überregionaler Institutionen spiegeln vielfältige weitere Projekte das deutsche Engagement in Afrika wider. Dazu zählen das erfolgreiche Projekt „Ärzte helfen hautkranken Kindern in Afrika e. V.“ in West-Kenia (1993–2019),4 unter ärztlicher Leitung von Wilfried Schmeller (Lübeck), die jahrzehntelange Lepraforschung von Jörg-Martin Pönnighaus (Plauen) in Malawi, Tansania und anderen Ländern ebenso wie der Einsatz von Joachim Fluhr (Berlin) in der marokkanischen „Medizin-Karawane“ zur (dermatologischen) Versorgung ländlicher Regionen. Der Wissenstransfer findet dabei in beide Richtungen statt: So untersuchte Barbora Jara-Režnáková (Düsseldorf) in einem Projekt in Zusammenarbeit mit den Mykologen Pietro Nenoff und Silke Uhrlaß (Mölbis) die Tinea capitis bei Kindern in Äthiopien. Auch Friedrich Bofinger (Burghausen) engagiert sich seit vielen Jahren in Ostafrika. Sein Fokus liegt auf der Behandlung von Erkrankungen wie der Elephantiasis, wobei er eng mit lokalen Partnern wie der von Elisabeth und Gerold Jäger (Würzburg) gegründeten „Arbeitsgemeinschaft Uganda“ zusammenarbeitet. Die Jägers, die für ihren Einsatz 2014 mit dem Bundesverdienstkreuz geehrt wurden, gründeten in Uganda die bis heute einzige Hautklinik des Landes. Aktuell setzen sich die Siegener Claudia und Stephan El Gammal zusammen mit mittlerweile zwölf ugandischen Fachärztinnen und Fachärzten für Dermatologie für eine bessere Versorgung vor Ort ein. Diese Projekte und Kooperationen finden unter dem Dach größerer Fachgesellschaften eine gemeinsame Plattform. Eine zentrale Rolle spielt die International Society of Dermatology in the Tropics (ISDT),5 in der viele der Genannten als Mitglieder aktiv sind. Als eine der größten internationalen Vereinigungen auf diesem Gebiet bündelt sie das Engagement von Fachleuten weltweit und verkörpert das moderne Verständnis des Fachs: weg von kolonialen Forschungsreisenden, hin zu einer modernen Generation von Fachleuten, deren Arbeit auf Partnerschaft, Ausbildung und dem nachhaltigen Aufbau von Versorgungsstrukturen vor Ort beruht. Das Ziel ist der gemeinsame Einsatz für Hautgesundheit. Dieses Engagement auf Augenhöhe bleibt die zentrale Herausforderung und zugleich die größte Chance für die Zukunft der Tropendermatologie.
Published in: JDDG Journal der Deutschen Dermatologischen Gesellschaft
Volume 24, Issue 3, pp. 441-443
DOI: 10.1111/ddg.70042