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Der vorliegende Beitrag untersucht aus diskurssemantischer Perspektive, wie Behinderung im Kontext der nationalsozialistischen Medizinverbrechen konzeptualisiert wurde. Sprache nimmt dabei eine zentrale Rolle ein und wurde gezielt für nationalsozialistische Propaganda instrumentalisiert. Auf der Grundlage eugenisch-ideologischer Texte und zeitgenössischer Dokumente im Zusammenhang mit den Medizinverbrechen werden sprachliche Kategorien und metaphorische Konzepte analysiert. Es lassen sich Strategien der sprachlichen Asymmetrisierung und Dehumanisierung identifizieren. Insbesondere die Hervorhebung von Defektivität in Verbindung mit menschlicher Wertigkeit, fehlender Affektkontrolle, Moral, Vernunft, Selbstständigkeit oder Religion ist zentral. Behinderte Personen werden dadurch entweder in Distinktionszonen zum Unbelebten, zu Tieren oder zu unmündigen „Unpersonen“ perspektiviert. Große metaphorische Konzepte wie „die Gesellschaft als (kranker) Körper“ oder Bilder der Distanz sind dabei ebenfalls von Bedeutung. Gegner der Medizinverbrechen konstruieren andererseits die Täter als unmenschlich und betonen die Menschlichkeit der Opfer. Aufgrund des starken Zusammenhangs zwischen Sprache und kultureller Konstruktion von Behinderung versteht sich der Aufsatz als Beitrag zur kulturanalytischen Linguistik.